Herzzerreißend

Dr. Petra Noll, freie Kuratorin und Kunsthistorikerin anlässlich der Ausstellung "schönschaurig".

Im wahrsten Sinne des Wortes herzzerreißend – sinnlich-ästhetisch und gleichzeitig bedrohlich und kritisch, in jedem Fall betroffen machend sind die Körperarbeiten von Ina Loitzl. Sie nimmt uns mit auf eine Reise unter die Haut – ein Röntgenblick tief in unser Innerstes. Sie holt hervor, was uns einerseits als Teil unseres Körpers vertraut, andererseits vollkommen fremd ist, weil wir es nicht sehen, nicht berühren können: die Organe, die Eingeweide. 

Diese verfremdet sie, indem sie sie in zum Teil übergroße, extrem farbige Textil-Objekte übersetzt und diese meist freihängend im Raum installiert: soft objects, weiche Textilobjekte u. a. von Lungenflügeln, von Bronchienzweigen, Arterien, Herzen und auch von speziell weiblichen Organen wie Eierstöcken oder Uteri, ein barockes Schwelgen in Stoff, Wolle, Plastik und Latex. Ina Loitzls textile Objekte stehen in der Tradition der seit den 60er Jahren entstandenen „soft sculptures“ von Claes Oldenburg. Sie lassen auch an die Arbeiten von Annette Messager denken, vor allem an „Pénétration“ von 1993/94, in der die Künstlerin sehr farbige, textile Skulpturen in Form von Organen und Körperteilen von der Decke abhängend installierte. 

Nicht nur die inhaltliche Ausrichtung, sondern auch die Affinität der französischen Künstlerin zur weiblich besetzten Handarbeit als künstlerischem Medium, ihre ironische, surreale und zugleich spielerische Zugehensweise sowie ihre Untersuchung speziell weiblicher Rollen und Identitäten führen uns in die Nähe von Ina Loitzl. Bei beiden durchleben wir das Innenleben des Körpers. Wir sind animiert, die dekorativen Skulpturen zu berühren, zu untersuchen und dabei unser Unterbewusstsein für neue Erfahrungen zu öffnen, gleichzeitig zögernd vor den wie an Fleischerhaken präsentierten „toten“ Objekten. Eine inhaltliche Nähe besteht auch zu der, wie Ina Loitzl, in Klagenfurt geborenen Gudrun Kampl, die sich ebenfalls mit dem menschlichen, speziell mit dem weiblichen Körper in Form von textilen (Samt-) Objekten beschäftigt. Von der Künstlerin gibt es Werkserien, in denen sie sich mit menschlichen Organen auseinandersetzt; bordeauxrote genähte Samtherzen beispielsweise stehen genauso für Sinnlichkeit und Liebe wie auch für Krankheit und Tod. 

Das Herz ist auch ein zentraler Aspekt in Ina Loitzls Werk, das sie von allen Seiten be- und durchleuchtet. Das so verletzliche Zentrum unseres Körpers wird in der Textil-Arbeit „open heart“ (2006) wie bei einer Operation mit all seinen Arterien und Venen offen gelegt, erscheint wie aus der Brust gerissen – gleichzeitig Tabu-Gegenstand, Assoziation an wissenschaftliche Lehrstunden und sinnlich-poetisches „Objekt“ voller Klischees und Symbolik. Emotional aufgeladen sind auch die gehäkelten signalroten Herzkranzgefäße bzw. der Arterienstamm; sie assoziieren gleichzeitig ein wohl strukturiertes, wie auch verwirrendes Gefäßsystem. Dem Herz widmet die in zahlreichen Medien arbeitende Künstlerin auch Grafik-/Material-Schrift-Arbeiten (u. a. „To one`s heart“, 2006) oder auch das Video „Coeur“ aus dem gleichen Jahr, in dem sie den eigenen Körper einsetzt. Aktionistisch greift sie tief in die Materie „Herz“ – in das Herz, das sie selbst häkelt oder in ein Herz-Imitat aus Latex, begleitet von Herztönen und dominanter Ausrichtung auf die emotionale Farbe ‚Rot’. Ina Loitzl kombiniert in ihren Videos stets filmische Elemente, animierte Zeichnungen, Malerei, Papierschnitte und Schrift sowie historischer Stiche. Es entstehen realistische und gleichermaßen surreale, skurrile Szenarien, die das jeweilige Thema von allen Seiten beleuchten. Die Videos werden gerne auf kleinen Monitoren, umgeben von textilen Rahmen, präsentiert. Hiermit wird ein Erhöhung der sinnlichen, intimen Wirkung erreicht und die persönliche Betroffenheit der Künstlerin artikuliert, die in ihren Werken meist von ihrem eigenen Körper, ihrem eigenen Sein und (wechselnden) Zustand, ihrer eigenen Geschichte ausgeht, damit aber allgemeingültige Aussagen trifft. Das kommt deutlich hervor in dem Video „Die Seelen in meiner Brust“ (2004), in dem sie sich – ähnlich wie die Fotografin Cindy Sherman – in die verschiedensten Frauenrollen (Hausfrau, Mutter, Geliebte, Künstlerin,...) begibt, und dabei nicht nur viel über ihr eigenes Leben aussagt, sondern auch über die Rollen der Frau, über ihre Prägung durch die Gesellschaft und die Geschlechterbeziehung im allgemeinen – immer mit viel (Selbst-)ironie und Humor.