Die Hirsche der Jodlerin

(bbb) Wir kennen die Sprüche von alten Stickereien: "Wenn alle Künste untergehen, die edle Kochkunst bleibt bestehen" und nehmen erleichtert zur Kenntnis, dass eine Künstlerin wie Ina Loitzl dieser Art von Untergang der Kunst und der Emanzipation mit subversivem Humor eine neue Collage samt gestickten Buchstaben entgegensetzt: "Teilst den Haushalt und bist nett, spielts abends was im Bett". Das postfeministische Versprechen setzt sich mit weiteren heiteren Nachhilfen in Sachen Kitsch und Peinlichkeit unserer Dekonstruktionen von Kunst im Turbokapitalismus fort. 

 

Sie bestickt Fotos, collagiert Kleider und näht teils hängende Objekte, kombiniert diese wie Grafiken mit Video-Trickfilmen zu Installationen und ist auch in der Präsentation der Multimedia-Werke in der Galerie des Künstlerhauses trickreich unterwegs. Vordergründig ist es ein Spiel mit der scheinbaren Privatisierung von öffentlichen Räumen. Aber auch die Entweihung einer Kapelle, die Zerstörung einer Idylle ist enthalten, denn die Werke spielen humorvoll mit ländlichen Identitäten und Heimatgefühl, zeigen aber dazu die einengende Wirkung eines Brauchs zur Konvention und hinterfragen, was überhaupt noch übrig geblieben ist an wahren Ritualen und Traditionen in einer globalisierten Welt.

So sind ihre Herrgottsecken und Stuben mit ausgestopften Tieren, Stickereien, Kreuzen und Wunschkerzen alle mit altbekanntem Wallfahrtskitsch auf der einen Seite im Bunde, auf der anderen Seite ist ihre kritische Haltung gegenüber der neuen medialen Kitsch-Lawine der Werbung um nichts geringer. Das Archiv oder die museale Ansammlung von Trophäen bestückt Loitzl auf subversive Art mit erneuerter Textilkunst; ihre weichen Objekte verbinden die alte Daunendecke oder den geblümten Mustervorhang mit Bildschirmen der neuen Medien, sogar Fotos und Leinwände werden bestickt, beklebt, es wird hinter Glas gekratzt, zerschnitten und wieder zusammengesetzt, was das Zeug hält - dem teils auf den Kopf gestellten Rollenspiel der Geschlechter müssen auch Betrachter folgen.

 

Wechselwirkungen zwischen Wissenschaft, Kunstgattungen und Medien mit doppelbödigem Inhalt aufzuzeigen, beherrscht die Künstlerin nach einem Studium im Mozarteum in Salzburg und bei Peter Weibel an der Angewandten in Wien in hohem Maß, was viele Preise in den letzten Jahren bestätigten. Berühmte Maler, geniale Gesten werden konterkariert - auch Picassos Liebe zu den Stieren in ein "Jägerlatein" übersetzt; die performativen Kräfte der frühen Feministinnen werden wie der Schuhplattler in ihre Filme hineingezogen. Wer hier nicht spurt, wird zum Freiwild und die endlosen Zöpfe der Damen im Dirndl wandeln sich in schwarze Lackobjekte einer strengen Kammer. Latex, Plexiglas und Siebdruck treffen auf Holz und Stoff, Samt auf Wachs und vergoldete Farbe, die gestickte "Madonna Lactans" auf ein Papierschnipsel-Mandala und die erfindungsreichen Titel ergänzen prompt: "Seufzerpolster" reiht sich an "Jodelrap". Die Zuagraste (Kärntnerin) wirkt seit mehr als einem Jahrzehnt in Wien.