hairytalesAnsprache von Dr. Klaus Schröder, Direktor der Albertina zur Eröffnung der Ausstellung hairytales in der Galerie Kro Art, Wien. 
Den gesamten Katalog zur Ausstellung finden Sie hier. Falls Sie eine gedruckte Version haben wollen, dann schreiben Sie mir bitte.
4. April 2013

INA LOITZL - HAIRYTALES Dr. Klaus Albrecht Schröder

Das Haar zählt für mich zu den faszinierendsten Motiven der Kunst. Kein Kunsthistoriker, der sich nicht schon von Kindesbeinen an mit dem Haar auseinandersetzen muss. Wir wachsen mit Rapunzel auf, ältere Generationen erinnern sich bei Haaren an Samson, an die sündige Maria Magdalena oder an die Eitelkeit der sich kämmenden Venus. Heute kommen andere Gestalten in den Sinn, wenn man an die Pracht der Haare denkt. Das Haar begleitet mich seit meiner Jugend. Eine Anekdote illustriert vielleicht weniger das Bild einer strengen Kindheit, aber sie zeigt doch eine merkwürdig haar-fixierte Umgebung.

Als ich aufwuchs, wurde die Freiheit eines jungen Mannes darin manifest, dass dessen Haare länger – immer länger – getragen wurden. Allein, immer wenn ich zum Friseur ging und diesen bat: „Nichts wegschneiden, bitte!“, fuhr dieser schlagartig mit dem Rasierer die Kontur über dem Hemdkragen entlang und alle meine Haare waren kurzgeschoren: Der Kragenrand galt als der natürliche Limes für Sitte und Anstand; stand das Haar am Kragenrand an oder reichte gar darüber hinaus, galt das als Zotteltier abgekanzelte Subjekt als asozial. Ich ging überhaupt nur deshalb freiwillig zum Friseur, weil es dort die in meinem Elternhaus streng untersagte Schundliteratur gab. Der Friseur war der einzige Ort, wo ich – zwar nicht ungeschoren, aber wenigstens für die Lektüre nicht anderweitig bestraft – Comics lesen konnte, Mickey Mouse, Donald Duck, Tarzan und ähnliches mehr. Eines samstags - ich war seit Wochen auf Tarzan- und Prinz-Eisenherz-Entzug - fragte ich wieder einmal meinen Vater, ob ich zum Friseur gehen dürfe. Er wunderte sich zwar, da er keine Ahnung hatte, dass Schundliteratur nur dort für mich greifbar war, erlaubte es aber, da ich „überfällig“ schien. Ich ging aber diesmal zum „Scheren“ nicht zu Fuß, sondern schwang mich aufs Fahrrad und raste zum Friseur, süchtig nach meinen „Schundhefterln“. Noch an der Türschwelle musste ich den Friseur untertänigst salutierend hören, wie er ganz offensichtlich meinem Vater am Telefon bestätigte: „Selbstverständlich, Herr Major! Wie immer Herr Major! Der Filius kommt ohnehin gerade herein!“. Ich wusste, dass ich dem Friseur sagen konnte, was ich wollte. Er schor mich wie ein Schaf, weil der Züchter es so wollte. Mein Vater sah natürlich in den Haaren genau das, was auch ich darin sah: Ein Zeichen des Widerstandes, der Emanzipation und des Aufbegehrens. Das Haar und seine Bedeutung ist eben viel komplexer als man glauben möchte.
Lange Haare waren in den 60er und 70er Jahren mehr als alles andere das Symbol des politischen Widerstandes gegen Nixon und den Vietnamkrieg. Mehr noch als Rock- und Popkultur war es die Haarpracht selbst, die man ins Schlachtfeld führte, um sich gegen die Elterngeneration abzugrenzen. Auf der anderen Seite war das lange Haar natürlich auch konnotiert mit der Vorstellung des Wüstlings, mit unterdrückten sexuellen Phantasien. Nicht zufällig wird die Macht des Mannes schlechthin, des alttestamentarischen Samson, in dem Augenblick geschwächt, in dem ihm Delilah sein Haar abschneidet, in dem sie die Ursache seiner übermenschlichen Kraft erkannte.
Ina Loitzl stellt nun „FAIRYTALES“ als „HAIRYTALES“ vor: Märchen als Haargeschichten, die nicht auf diese politischen Konnotationen abgestimmt sind, sondern sich eher mit der Mythologie des Haares als einem Attribut schöner Weiblichkeit beschäftigt.

Das Haar. Vorweg muss man wohl mit einer Illusion aufräumen. Wir sind erstaunlicherweise begeistert von tollen Frisuren und lästern über einen provinziellen Haarschnitt der Phäaken. Dabei gibt es keinen materiellen Unterschied zwischen dem Huf einer Kuh, einer Tigerkralle, der Haarlocke Napoleons, dem Pelz des Wiesels und dem Bärenfell. Alle sind aus Keratin – eine Hornfaser. Des Hornes wegen schmerzt es nicht, die Fingernägel zu schneiden, einen Nagel in den Huf des Pferdes zu schlagen oder sich die Haare zu schneiden: zumindest nicht äußerlich. Aber in der Kultur der Menschheit hat das Haar eine große Bedeutung gewonnen. Daher sind diese „Hairytales“ von Ina Loitzl kein Vorspann für eine allfällige Beschäftigung mit Knien oder Fußfersen. Wenige Körperteile am Menschen sind dermaßen aussagekräftig, gleichsam eine „architecture parlante“, wie die Haarpracht. Das Haar betrifft die Existenz des Menschen. Existenz: Der Begriff allein atmet den Geist der Tragödie und das Pathos kultureller Ernsthaftigkeit. Pathos und Tragik sucht man bei Ina Loitzl jedoch vergeblich: das hat inhaltlich und ästhetisch gute Gründe.
Die Kunst von Ina Loitzl ist zwar ernsthaft, aber der Ernst ist voller Ironie und Witz; er ist hintergründig. Schon seit geraumer Zeit arbeitet Ina Loitzl an der Schnittstelle einer Kunst, die einerseits sich selbst, ihr eigenes FrauSein, zum Gegenstand macht und der formal-ästhetischen Position einer feministischen Avantgarde. Wobei die Kunst der Selbstthematisierung und die Verfahrensweisen der feministischen Avantgarde immer schon ineinander gegriffen haben. Bei Ina Loitzl reicht das bis in die Wahl der künstlerischen Techniken und Materialen. Loitzls Präferenz für den Scherenschnitt gehört in diesen Traditionszusammenhang. Der Scherenschnitt war für die Moderne eine „Ekeltechnik“, die im 19. Jahrhundert als Pendant zum Stricken, Nähen und zu anderen häuslichen, typisch weiblichen, Tätigkeiten betrachtet wurde. Im Kanon der Kunst hatte der Scherenschnitt keinen Platz. Kein ernsthafter Künstler - von Delacroix, Ingres, Jacques Louis David oder Caspar David Friedrich, kein Impressionist von Monet bis Manet hätte jemals einen Scherenschnitt gemacht. Der Scherenschnitt ist kontaminiert als gefällige weibliche Hausarbeit. Nicht zufällig exzelliert Ina Loitzl gerade in dieser verachteten Technik, die heute allenfalls in Volkshochschulkursen noch ihr Unwesen treibt. Die Künstlerin drückt sich aber nicht im Scherenschnitt aus. Er ist Zitat. So wie der lange Zopf ein Zitat ist. Wie der Spiegel, der uns seine Spruchweisheit verkündet: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Dies alles sind Zitate. Ina Loitzl arbeitet sich am Zitat und seinem assoziativen Resonanzraum ab, wie an einem vorgegebenen Sujet. Techniken, Motive und Zitate sind Teile eines Rollenspiels, das immer schon die feministische Kunst dominiert hat.

Das Rollenspiel fasziniert nicht nur die Kinder unter uns und die Kinder in uns. Wir spielen auch als Erwachsene Rollen, wir leben in unterschiedlichsten Parallelwelten. Das Spiel mit Rollenbildern war in der feministischen Avantgarde seit ihrer Geburt in den frühen 70er Jahren besonders wichtig. Die internationale Leitfigur ist dafür Cindy Sherman, in Österreich Irene Andessner. Das Sich-Auseinandersetzen mit Rollen, die Notwendigkeit, in eine Prinzessinnenrolle zu schlüpfen, eine Mutterrolle zu spielen oder Mutter zu sein, auf der anderen Seite eine aufregende und faszinierende Frau darzustellen, eine unabhängige und kreative Künstlerin zu sein: in diesen Parallelwelten zu leben, stellt für Frauen eine noch größere Herausforderung dar als für Männer. Die Rolle und ihre Eigenschaft ist nicht fest mit dem Charakter, mit dem eigentlichen Wesenskern des Menschen verwachsen. Sie ist aufgesetzt: Symbol wie Symptom des Gefühls, fremdbestimmt zu sein. Dieses Aufgesetzte, Heteronome scheint mir ein ganz wesentliches Thema des Schaffens von Ina Loitzl zu sein.
Man findet in Ina Loitzls Werken kaum traditionelle künstlerische Materialien. Multimedial arbeitet sie zwischen Video, Zeichnung, Skulptur und Objektkunst; sie verwendet industrielle, billige Materialien wie Plastik oder andere Kunststoffe. Plastik kennen wir als Problemabfall, nicht als Gegenstand der bildenden Kunst. Bei Loitzl schwingen immer der Witz, die Ironie, das Doppelbödige und das Hintergründige bei der Verwendung dieser Trash-Utensilien mit. Das edle, durch größere Tradition verbriefte künstlerische Material, mit dem die Männerwelt die Kunst beherrscht, meidet Ina Loitzl weitgehend. Eitempera oder Öl auf Leinwand wird man in ihrem Schaffen nur selten finden. Wenn sie überhaupt zur Farbe greift, dann auf eine kunstgewerblichnaive Art. Sie malt keine Hinterglasbilder, sie zitiert Hinterglasbilder. Auch in diesen Hinterglasbildern spielt das kindliche Verfahren, das Bemalen von Glas, eine wesentliche Rolle.
Ina Loitzl hat sich also in ihren jüngsten Arbeiten mit dem Haar beschäftigt und dabei eine zentrale Figur der Geschichte als Ausgangspunkt genommen: „Sisi“, die Kaiserin, die Ehefrau von Kaiser Franz Josef. Sisi hat diesen Mann ebenso glücklich geheiratet wie sie anschließend unglücklich mit ihm verheiratet war. Das Erstere ist ein Wunder, das Zweite erstaunt uns weniger. Aber vor allem verblüfft uns die geradezu fetischistische und obsessive Aufmerksamkeit, die die Kaiserin ihrer Haartracht gewidmet hat. Was bedeutet das? Viele Psychoanalytiker freudianischer Provenienz haben mit wechselndem Erfolg über das Haar im Leben der Kaiserin Sisi nachgedacht: Auch der Kunst war Sisis wallendes Haar immer wieder ein Thema. Man sagt, die Schönheit der Kaiserin soll einzigartig gewesen sein; zumindest solange sie geschwiegen hat, den Mund zart verschlossen hielt. Sie war ja nicht nur Kaiserin, sondern auch eine Naschkatze. Und dank ihres exzessiven Zuckerkonsums hatte sie bereits früh sehr schlechte, sehr braune, sehr kariöse Zähne. Daher rührte ihre Weigerung zu lachen oder zu lächeln. Umso mehr hat sie das Haar wie eine Trophäe vor sich hergetragen. Der letzte Höhepunkt, in dem das Haar eine prominente Rolle gespielt hat, in der es zu Türmen aufgesteckt wurde, fand im 18. Jahrhundert statt. Damals hat das Perückenwesen Blüten getrieben. Es wurden ganze Drahtgestelle und Kippgestelle in die Haarfestungen eingefügt, um mit dieser eingekippten Haartracht durch niedrige Türen treten zu können. Danach wurde der Wolkenkratzer aus Keratin mittels des Kippmechanismus wieder hochgeklappt. Von diesen hypertrophen Idealen erzählen in skurriler Form Ina Loitzls Sisi-Videos.

Haare schmücken nicht nur. Haare haben eine eigene Geschichte, die mit dem Rollenspiel, dem
gesellschaftlichen Statusverständnis zu tun haben, damit, was uns als soziales Wesen definiert; zu welcher Gruppe wir gehören, von welcher wir uns abgrenzen. Ina Loitzl hat in ihrer Videoarbeit „Die Seelen in meiner Brust“ die simultanen Rollen als Geliebte und Mutter, als gute Hausfee und als Intellektuelle aufgezeigt. Die Erwartungen, die mit diesen diametral entgegengesetzten Rollen verbunden sind, sollte frau tunlichst in einer einzigen Person erfüllen. Das geht bekanntlich nicht. Das zerreißt jeden Menschen. Frauen mehr als Männer. Weil wir Männer vielleicht simpler gestrickt sind. Weil man von uns Eindeutigeres erwartet. Weniger Widersprüchliches.
Was mich an Loitzls Arbeiten besonders fasziniert, ist ihr Witz. Der Witz ist aus der zeitgenössischen Kunst nicht wegzudenken: von Erwin Wurm bis Franz West. Deren Werk ist nicht zu denken, ohne dass wir den Witz als Gestaltungsprinzip mitempfinden. Deren Werk lebt geradezu vom Witz, vom blasphemischen Verstoß, von der skurrilen Ironie und vom Sarkasmus. Das ist der andere Kontext, in dem uns Ina Loitzl die Schönheit der Haare zeigt und den Zopf. Der Zopf wurde zwar bereits in der französischen Revolution als Symbol des Ancien Régime abgeschnitten. Loitzl entdeckt jedoch im heutigen Zopf Tiere, die wir nur ungern in den Haaren wissen. Keine Vernissage, an der nicht eine Million Tiere teilnehmen: Haarmilben. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal zärtlich durch das Haupthaar ihrer Geliebten oder ihres Geliebten fahren: Sie streicheln abertausende Milben mit. Seltener stoßen wir auf Läuse und Flöhe. Nur Eltern von Kleinkindern haben Erfahrung mit diesen Haustieren. Ina Loitzl gedenkt ihrer! Sie übersieht sie nicht. Die Schönheit des Zopfes ist ohne die Laus nicht zu haben.

Für Ina Loitzl ist das Haar nicht ein beliebiges Ding. Das Haar bedeutet ihr etwas. Es ist ein Symbol der Macht und der Machtlosigkeit, der Schönheit wie der Hässlichkeit. Das Haar wollen wir nicht verlieren.
Loitzls „Hairytales“ sind einer der ästhetisch gelungensten und komischsten Beiträge im Verhältnis von Kunst und Ironie. Das ist vielleicht überhaupt das Interessanteste dieses jüngsten Zyklus, der tatsächlich ein „Hairytale“ als „Fairytale“ ist. Dass er uns einmal mehr die Gelegenheit bietet, über Ina Loitzl und ihre Kunst nachzudenken. Und damit über ein Stück von uns selbst. Beginnen wir damit. Es lohnt!

hairytalesAnsprache von Dr. Klaus Schröder, Direktor der Albertina zur Eröffnung der Ausstellung hairytales in der Galerie Kro Art, Wien. 
Den gesamten Katalog zur Ausstellung finden Sie hier. Falls Sie eine gedruckte Version haben wollen, dann schreiben Sie mir bitte.
4. April 2013

INA LOITZL - HAIRYTALES Dr. Klaus Albrecht Schröder

Das Haar zählt für mich zu den faszinierendsten Motiven der Kunst. Kein Kunsthistoriker, der sich nicht schon von Kindesbeinen an mit dem Haar auseinandersetzen muss. Wir wachsen mit Rapunzel auf, ältere Generationen erinnern sich bei Haaren an Samson, an die sündige Maria Magdalena oder an die Eitelkeit der sich kämmenden Venus. Heute kommen andere Gestalten in den Sinn, wenn man an die Pracht der Haare denkt. Das Haar begleitet mich seit meiner Jugend. Eine Anekdote illustriert vielleicht weniger das Bild einer strengen Kindheit, aber sie zeigt doch eine merkwürdig haar-fixierte Umgebung.

Als ich aufwuchs, wurde die Freiheit eines jungen Mannes darin manifest, dass dessen Haare länger – immer länger – getragen wurden. Allein, immer wenn ich zum Friseur ging und diesen bat: „Nichts wegschneiden, bitte!“, fuhr dieser schlagartig mit dem Rasierer die Kontur über dem Hemdkragen entlang und alle meine Haare waren kurzgeschoren: Der Kragenrand galt als der natürliche Limes für Sitte und Anstand; stand das Haar am Kragenrand an oder reichte gar darüber hinaus, galt das als Zotteltier abgekanzelte Subjekt als asozial. Ich ging überhaupt nur deshalb freiwillig zum Friseur, weil es dort die in meinem Elternhaus streng untersagte Schundliteratur gab. Der Friseur war der einzige Ort, wo ich – zwar nicht ungeschoren, aber wenigstens für die Lektüre nicht anderweitig bestraft – Comics lesen konnte, Mickey Mouse, Donald Duck, Tarzan und ähnliches mehr. Eines samstags - ich war seit Wochen auf Tarzan- und Prinz-Eisenherz-Entzug - fragte ich wieder einmal meinen Vater, ob ich zum Friseur gehen dürfe. Er wunderte sich zwar, da er keine Ahnung hatte, dass Schundliteratur nur dort für mich greifbar war, erlaubte es aber, da ich „überfällig“ schien. Ich ging aber diesmal zum „Scheren“ nicht zu Fuß, sondern schwang mich aufs Fahrrad und raste zum Friseur, süchtig nach meinen „Schundhefterln“. Noch an der Türschwelle musste ich den Friseur untertänigst salutierend hören, wie er ganz offensichtlich meinem Vater am Telefon bestätigte: „Selbstverständlich, Herr Major! Wie immer Herr Major! Der Filius kommt ohnehin gerade herein!“. Ich wusste, dass ich dem Friseur sagen konnte, was ich wollte. Er schor mich wie ein Schaf, weil der Züchter es so wollte. Mein Vater sah natürlich in den Haaren genau das, was auch ich darin sah: Ein Zeichen des Widerstandes, der Emanzipation und des Aufbegehrens. Das Haar und seine Bedeutung ist eben viel komplexer als man glauben möchte.
Lange Haare waren in den 60er und 70er Jahren mehr als alles andere das Symbol des politischen Widerstandes gegen Nixon und den Vietnamkrieg. Mehr noch als Rock- und Popkultur war es die Haarpracht selbst, die man ins Schlachtfeld führte, um sich gegen die Elterngeneration abzugrenzen. Auf der anderen Seite war das lange Haar natürlich auch konnotiert mit der Vorstellung des Wüstlings, mit unterdrückten sexuellen Phantasien. Nicht zufällig wird die Macht des Mannes schlechthin, des alttestamentarischen Samson, in dem Augenblick geschwächt, in dem ihm Delilah sein Haar abschneidet, in dem sie die Ursache seiner übermenschlichen Kraft erkannte.
Ina Loitzl stellt nun „FAIRYTALES“ als „HAIRYTALES“ vor: Märchen als Haargeschichten, die nicht auf diese politischen Konnotationen abgestimmt sind, sondern sich eher mit der Mythologie des Haares als einem Attribut schöner Weiblichkeit beschäftigt.

Das Haar. Vorweg muss man wohl mit einer Illusion aufräumen. Wir sind erstaunlicherweise begeistert von tollen Frisuren und lästern über einen provinziellen Haarschnitt der Phäaken. Dabei gibt es keinen materiellen Unterschied zwischen dem Huf einer Kuh, einer Tigerkralle, der Haarlocke Napoleons, dem Pelz des Wiesels und dem Bärenfell. Alle sind aus Keratin – eine Hornfaser. Des Hornes wegen schmerzt es nicht, die Fingernägel zu schneiden, einen Nagel in den Huf des Pferdes zu schlagen oder sich die Haare zu schneiden: zumindest nicht äußerlich. Aber in der Kultur der Menschheit hat das Haar eine große Bedeutung gewonnen. Daher sind diese „Hairytales“ von Ina Loitzl kein Vorspann für eine allfällige Beschäftigung mit Knien oder Fußfersen. Wenige Körperteile am Menschen sind dermaßen aussagekräftig, gleichsam eine „architecture parlante“, wie die Haarpracht. Das Haar betrifft die Existenz des Menschen. Existenz: Der Begriff allein atmet den Geist der Tragödie und das Pathos kultureller Ernsthaftigkeit. Pathos und Tragik sucht man bei Ina Loitzl jedoch vergeblich: das hat inhaltlich und ästhetisch gute Gründe.
Die Kunst von Ina Loitzl ist zwar ernsthaft, aber der Ernst ist voller Ironie und Witz; er ist hintergründig. Schon seit geraumer Zeit arbeitet Ina Loitzl an der Schnittstelle einer Kunst, die einerseits sich selbst, ihr eigenes FrauSein, zum Gegenstand macht und der formal-ästhetischen Position einer feministischen Avantgarde. Wobei die Kunst der Selbstthematisierung und die Verfahrensweisen der feministischen Avantgarde immer schon ineinander gegriffen haben. Bei Ina Loitzl reicht das bis in die Wahl der künstlerischen Techniken und Materialen. Loitzls Präferenz für den Scherenschnitt gehört in diesen Traditionszusammenhang. Der Scherenschnitt war für die Moderne eine „Ekeltechnik“, die im 19. Jahrhundert als Pendant zum Stricken, Nähen und zu anderen häuslichen, typisch weiblichen, Tätigkeiten betrachtet wurde. Im Kanon der Kunst hatte der Scherenschnitt keinen Platz. Kein ernsthafter Künstler - von Delacroix, Ingres, Jacques Louis David oder Caspar David Friedrich, kein Impressionist von Monet bis Manet hätte jemals einen Scherenschnitt gemacht. Der Scherenschnitt ist kontaminiert als gefällige weibliche Hausarbeit. Nicht zufällig exzelliert Ina Loitzl gerade in dieser verachteten Technik, die heute allenfalls in Volkshochschulkursen noch ihr Unwesen treibt. Die Künstlerin drückt sich aber nicht im Scherenschnitt aus. Er ist Zitat. So wie der lange Zopf ein Zitat ist. Wie der Spiegel, der uns seine Spruchweisheit verkündet: „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Dies alles sind Zitate. Ina Loitzl arbeitet sich am Zitat und seinem assoziativen Resonanzraum ab, wie an einem vorgegebenen Sujet. Techniken, Motive und Zitate sind Teile eines Rollenspiels, das immer schon die feministische Kunst dominiert hat.

Das Rollenspiel fasziniert nicht nur die Kinder unter uns und die Kinder in uns. Wir spielen auch als Erwachsene Rollen, wir leben in unterschiedlichsten Parallelwelten. Das Spiel mit Rollenbildern war in der feministischen Avantgarde seit ihrer Geburt in den frühen 70er Jahren besonders wichtig. Die internationale Leitfigur ist dafür Cindy Sherman, in Österreich Irene Andessner. Das Sich-Auseinandersetzen mit Rollen, die Notwendigkeit, in eine Prinzessinnenrolle zu schlüpfen, eine Mutterrolle zu spielen oder Mutter zu sein, auf der anderen Seite eine aufregende und faszinierende Frau darzustellen, eine unabhängige und kreative Künstlerin zu sein: in diesen Parallelwelten zu leben, stellt für Frauen eine noch größere Herausforderung dar als für Männer. Die Rolle und ihre Eigenschaft ist nicht fest mit dem Charakter, mit dem eigentlichen Wesenskern des Menschen verwachsen. Sie ist aufgesetzt: Symbol wie Symptom des Gefühls, fremdbestimmt zu sein. Dieses Aufgesetzte, Heteronome scheint mir ein ganz wesentliches Thema des Schaffens von Ina Loitzl zu sein.
Man findet in Ina Loitzls Werken kaum traditionelle künstlerische Materialien. Multimedial arbeitet sie zwischen Video, Zeichnung, Skulptur und Objektkunst; sie verwendet industrielle, billige Materialien wie Plastik oder andere Kunststoffe. Plastik kennen wir als Problemabfall, nicht als Gegenstand der bildenden Kunst. Bei Loitzl schwingen immer der Witz, die Ironie, das Doppelbödige und das Hintergründige bei der Verwendung dieser Trash-Utensilien mit. Das edle, durch größere Tradition verbriefte künstlerische Material, mit dem die Männerwelt die Kunst beherrscht, meidet Ina Loitzl weitgehend. Eitempera oder Öl auf Leinwand wird man in ihrem Schaffen nur selten finden. Wenn sie überhaupt zur Farbe greift, dann auf eine kunstgewerblichnaive Art. Sie malt keine Hinterglasbilder, sie zitiert Hinterglasbilder. Auch in diesen Hinterglasbildern spielt das kindliche Verfahren, das Bemalen von Glas, eine wesentliche Rolle.
Ina Loitzl hat sich also in ihren jüngsten Arbeiten mit dem Haar beschäftigt und dabei eine zentrale Figur der Geschichte als Ausgangspunkt genommen: „Sisi“, die Kaiserin, die Ehefrau von Kaiser Franz Josef. Sisi hat diesen Mann ebenso glücklich geheiratet wie sie anschließend unglücklich mit ihm verheiratet war. Das Erstere ist ein Wunder, das Zweite erstaunt uns weniger. Aber vor allem verblüfft uns die geradezu fetischistische und obsessive Aufmerksamkeit, die die Kaiserin ihrer Haartracht gewidmet hat. Was bedeutet das? Viele Psychoanalytiker freudianischer Provenienz haben mit wechselndem Erfolg über das Haar im Leben der Kaiserin Sisi nachgedacht: Auch der Kunst war Sisis wallendes Haar immer wieder ein Thema. Man sagt, die Schönheit der Kaiserin soll einzigartig gewesen sein; zumindest solange sie geschwiegen hat, den Mund zart verschlossen hielt. Sie war ja nicht nur Kaiserin, sondern auch eine Naschkatze. Und dank ihres exzessiven Zuckerkonsums hatte sie bereits früh sehr schlechte, sehr braune, sehr kariöse Zähne. Daher rührte ihre Weigerung zu lachen oder zu lächeln. Umso mehr hat sie das Haar wie eine Trophäe vor sich hergetragen. Der letzte Höhepunkt, in dem das Haar eine prominente Rolle gespielt hat, in der es zu Türmen aufgesteckt wurde, fand im 18. Jahrhundert statt. Damals hat das Perückenwesen Blüten getrieben. Es wurden ganze Drahtgestelle und Kippgestelle in die Haarfestungen eingefügt, um mit dieser eingekippten Haartracht durch niedrige Türen treten zu können. Danach wurde der Wolkenkratzer aus Keratin mittels des Kippmechanismus wieder hochgeklappt. Von diesen hypertrophen Idealen erzählen in skurriler Form Ina Loitzls Sisi-Videos.

Haare schmücken nicht nur. Haare haben eine eigene Geschichte, die mit dem Rollenspiel, dem
gesellschaftlichen Statusverständnis zu tun haben, damit, was uns als soziales Wesen definiert; zu welcher Gruppe wir gehören, von welcher wir uns abgrenzen. Ina Loitzl hat in ihrer Videoarbeit „Die Seelen in meiner Brust“ die simultanen Rollen als Geliebte und Mutter, als gute Hausfee und als Intellektuelle aufgezeigt. Die Erwartungen, die mit diesen diametral entgegengesetzten Rollen verbunden sind, sollte frau tunlichst in einer einzigen Person erfüllen. Das geht bekanntlich nicht. Das zerreißt jeden Menschen. Frauen mehr als Männer. Weil wir Männer vielleicht simpler gestrickt sind. Weil man von uns Eindeutigeres erwartet. Weniger Widersprüchliches.
Was mich an Loitzls Arbeiten besonders fasziniert, ist ihr Witz. Der Witz ist aus der zeitgenössischen Kunst nicht wegzudenken: von Erwin Wurm bis Franz West. Deren Werk ist nicht zu denken, ohne dass wir den Witz als Gestaltungsprinzip mitempfinden. Deren Werk lebt geradezu vom Witz, vom blasphemischen Verstoß, von der skurrilen Ironie und vom Sarkasmus. Das ist der andere Kontext, in dem uns Ina Loitzl die Schönheit der Haare zeigt und den Zopf. Der Zopf wurde zwar bereits in der französischen Revolution als Symbol des Ancien Régime abgeschnitten. Loitzl entdeckt jedoch im heutigen Zopf Tiere, die wir nur ungern in den Haaren wissen. Keine Vernissage, an der nicht eine Million Tiere teilnehmen: Haarmilben. Denken Sie daran, wenn Sie das nächste Mal zärtlich durch das Haupthaar ihrer Geliebten oder ihres Geliebten fahren: Sie streicheln abertausende Milben mit. Seltener stoßen wir auf Läuse und Flöhe. Nur Eltern von Kleinkindern haben Erfahrung mit diesen Haustieren. Ina Loitzl gedenkt ihrer! Sie übersieht sie nicht. Die Schönheit des Zopfes ist ohne die Laus nicht zu haben.

Für Ina Loitzl ist das Haar nicht ein beliebiges Ding. Das Haar bedeutet ihr etwas. Es ist ein Symbol der Macht und der Machtlosigkeit, der Schönheit wie der Hässlichkeit. Das Haar wollen wir nicht verlieren.
Loitzls „Hairytales“ sind einer der ästhetisch gelungensten und komischsten Beiträge im Verhältnis von Kunst und Ironie. Das ist vielleicht überhaupt das Interessanteste dieses jüngsten Zyklus, der tatsächlich ein „Hairytale“ als „Fairytale“ ist. Dass er uns einmal mehr die Gelegenheit bietet, über Ina Loitzl und ihre Kunst nachzudenken. Und damit über ein Stück von uns selbst. Beginnen wir damit. Es lohnt!